Wenn Sie am letzten Freitag jeden Monats das Dach eines bunten Zirkuszeltes in der Neustadt sehen, dann hat möglicherweise der Neustadt Fanclub zur langen Tafel geladen – mit Kaffee, Tee und selbstgebackenem Kuchen. Der Neustadt Fanclub ist eine lose Verbindung aus verschiedenen Initiativen des Stadtteils und will die Nachbarschaft in den Dialog bringen, damit sich Menschen aus dem Quartier mit unterschiedlichen Meinungen gegenseitig zuhören, sich austauschen und kennenlernen können – so wie Ende April am Niedersachsenplatz. Vor allem ältere Bewohner:innen aus der unmittelbaren Nachbarschaft haben sich eingefunden, viele von ihnen sind Erstbezieher:innen.
Der Niedersachsenplatz verdient den Namen Platz überhaupt nicht. Es ist eine grüne Brachfläche. Gesäumt mit hohem Gras und vereinzelten Bäumen und Sträuchern, Trampelpfade bahnen sich ihren Weg. Einst stand hier das Quartierszentrum, wie es für die Nahversorgung jedes Wohnkomplexes vorgesehen war. Mit der Wende folgte der Rückbau. Die Neustadt sollte in umgekehrter Reihenfolge schrumpfen, wie sie einst gewachsen ist – von den Rändern zum Zentrum. Abgesehen von einer Kaufhalle blieb nichs stehen. Doch mittlerweile liegen Pläne vor, wie die Freifläche am Niedersachsenplatz nachhaltig genutzt werden könnte. So hatte Mitte April die Stadt ihre Planung für eine umfangreiche Grünflächengestaltung im Rahmen der frühzeitigen Bürgerbeteiligung der Öffentlichkeit präsentiert. “Die Zeit der Schrumpfung ist vorüber”, meint Nico Schröter von der Stadt.
Grünstreifen bis zum Heidesee
Ein Grünstreifen soll das Zentrum des ehemaligen sechsten WKs aufwerten und eine attraktive Verbindung zum Naherholungsgebiet am Heidesee schaffen. Insgesamt sollen dazu Investitionsmittel in Höhe von knapp drei Millionen Euro, finanziert durch Städtebaufördermittel, eingesetzt werden. Bis Ende des Jahres soll die Planung für den ersten Bauabschnitt abgeschlossen und bis Ende 2027 umgesetzt werden. Zahlreiche generationsübergreifende Spiel-, Sport und Aufenthaltsangebote sollen entstehen sowie eine Wildblumenwiese und trockenheitsresistente einheimische Baumarten gepflanzt werden. Doch das Vorhaben trifft unter der anwesenden Bevölkerung nicht nur auf Wohlwollen. Denn viele Wünsche und Vorschläge lassen sich nicht umsetzen. So wird es keine Beleuchtung geben, auch ein Grillplatz ist aus Brandschutzgründen nicht umsetzbar. Die Schaffung einer Hundewiese sei jedoch denkbar und soll für folgende Planung berücksichtigt werden. Öffentliche Trinkbrunnen oder Toiletten sind ebenfalls nicht vorgesehen, da die Erschließung zu teuer ist.

Dafür könnte jedoch das Nachbarschaftszentrum der Wohnungsbaugenossenschaft HaNeuer Wohnen Sorgen tragen, in dessen Rohbau die Bürgerbeteiligung stattgefunden hat. Bis Mitte 2026 soll dieses fertiggestellt werden, wie Gerhard Wünscher, Vorstandsmitglied der HaNeuer Wohnen, verkündete und wofür er prompt hämisches Gelächter aus dem Publikum erntete. Denn ein Eröffnungstermin für das Nachbarschaftszentrum wurde schon oftmals angekündigt und wieder verschoben. Gestiegene Baukosten und Personalmangel bei den Auftragnehmern seien Schuld daran, dass sich der Eröffnungstermin immer wieder verzögerte. Mittlerweile haben sich die Kosten verdoppelt. Zu den genauen Zahlen hält sich die HaNeuer bedeckt.
Das Nachbarschaftszentrum richtet sich besonders an das ältere Publikum – Zielgruppe Ü65. Es soll der Einsamkeit entgegenwirken. Denn Einsamkeit sei ein Risikofaktor für Bluthochdruck, Diabetes und Demenz, meint Claudia Treuter, Pflegemanagerin der HaNeuer Wohnen. Im Nachbarschaftszentrum werden künftig Sport- und Bewegungsangebote wie Yoga, Zumba und Tanzkurse gebündelt angeboten. Eine Physiotherapie will sich einmieten sowie eine Showküche mit Kochevents mit Sterne-Köchen soll Platz finden. Zusätzlich wird Ernährungsberatung angeboten und eine Gemeinschaftsgarten soll angelegt werden. Auch die Musterwohnung der Wohnungsbaugenossenschaft wird im Nachbarschaftszentrum untergebracht, in der sich Bewohner:innen über moderne Lösungen für eine altengerechte Wohnung informieren können. Denn altengerecht soll, nach Wunsch der HaNeuer Wohnen, das gesamte Quartier mit seinen 4.000 Bewohner:innen umgestaltet werden.
Die verdatete Oma
Einen Einblick davon kann man sich schon heute im Göttinger Bogen verschaffen. Eine Matratze im Bett misst Bewegungen und Feuchtigkeit. Das erspart dem Pflegedienst möglicherweise unnötige Wege. Eine Medikamentenbox kann von der Apotheke wöchentlich befüllt werden. Ein grünes Licht blinkt auf und vermittelt den Bewohner:innen, welche Medikamente zu welchem Wochentag und Tageszeit eingenommen werden müssen. Angehörige können die Einnahmen anschließend per App überprüfen, respektive dass sie zumindest aus der Verpackung genommen wurden. Die Beleuchtung in der Wohnung lässt sich per Spracheingabe steuern. Eine Kamera im Fernseher misst die Emotionen der Bewohner:innen, das funktioniere leider aber mehr schlecht als recht, lässt Treuter wissen. Über Kameras im Kühlschrank können die Angehörigen aus der Ferne überprüfen, ob er auch ausreichend gefüllt ist. Eine Katze scheint, unter den interessierten Besucher:innen der Musterwohnung besonderes Gefallen zu finden. Sie schnurrt und bewegt sich, ist ansonsten aber wenig lebendig, denn es handelt sich um einen Roboter. Derartiges soll Demenzkranken als Begleiter Gesellschaft leisten. Schließlich drohen lebende Haustiere, bei ihren vergesslichen Halter:innen zu verhungern.
Im Fußboden ist Sensorik verbaut, die bei einem Sturz der Bewohner:innen den Notdienst alarmiert und über eine App die Angehörigen informiert. Über eine App können die Bewohner:innen auch Vitaldaten wie Blutdruck und Zuckerwerte übermitteln, die dann an die zuständige Hausärtz:innen weitergeleitet werden. Etwa 50 Bewohner:innen nehmen an diesem Modellprojekt im Augenblick teil. Technische Lösungen für ein soziales Problem, die möglicherweise die entgegengesetzte Wirkung erzielen, von dem, was sie beabsichtigen. Indem die Sorge der Angehörigen um Eltern und Großeltern outgesourct wird. Denn was stellt es mit den Bewohner:innen an, wenn künftig der Anruf der Enkel ausbleibt und stattdessen nur das Statusupdate auf der App geprüft wird: alles im grünen Bereich – die Oma lebt. Ein trügerische Gewissheit, denn technische Lösungen sind fehleranfällig. Und wie ist es um die Selbstbestimmung der Teilnehmenden bestellt? Führt das Potenzial der Selbstverdatung nicht möglicherweise zu einem Zwang oder einer Erwartungshaltung an dem Projekt teilzunehmen? Derartige Einwände hält Wünscher für unbegründet. Es ist die Aufgabe der Betroffenen und ihrer Angehörigen festzustellen, was passt und was nicht.

Miau! Sie schnurrt und bewegt sich, ist allerdings nicht lebendig.
Roboter-Katzen sollen einsamen Demenzkranken in Zukunft Gesellschaft leisten.
Ursprünglich sollten insgesamt 300 Wohnungen mit derartigen technischen Assistenzsystemen ausgestattet werden. Von diesem Vorhaben hat sich die HaNeuer allerdings verabschiedet, denn die Ausstattung ist schlicht zu teuer. Ein frei verstellbares Pflegebett wäre zwar für Pflegende eine echte Erleichterung, aber die Kosten in Höhe von etwa 7.000 Euro übernimmt die Pflegeversicherung indes nicht. Außerdem lässt Wünscher einblicken, dass man sich mittlerweile von allzu techno-optimistischen Lösungen verabschiedet habe. Für ein selbstbestimmtes, altengerechtes Wohnen in den eigenen vier Wänden braucht es eben auch die Einbindung der Familie und der Nachbarschaft.
Ein Quartier für alle?
Eine Teilnehmerin an der Langen Tafel wohnt direkt gegenüber vom Niedersachsenplatz, in der Oldenburger Straße. Ihr Wohnblock wurde vor wenigen Jahren von der HaNeuer Wohnblock altengerecht saniert. Fahrstühle wurden verbaut. Die Wohnungen im Erdgeschoss sind barrierefrei und können von Genossenschaftsmitgliedern nach Reha-Aufenthalten genutzt werden. Von der ständigen Selbstvermessung hält die ältere Dame jedoch herzlich wenig, das täte sie schon oft genug. Direkt vor ihrer Tür soll ein Kinderspielplatz entstehen, im Haus fürchtet man Lärm und vandalisierende Jugendliche. Und man fürchtet sich vor Migrant:innen. In den vergangenen zehn Jahren hat sich der Anteil der Ausländer:innen in der westlichen Neustadt versiebenfacht. Doch wären Spielplätze nicht gerade geeignet, um für eine altersübergreifende soziale Durchmischung zu sorgen und das Quartier auch für junge Familien attraktiv zu machen? Für das Lärmempfinden der Bewohner:innen hat Wünscher indes wenig Verständnis. Derartige Konflikte müssen unter den Bewohner:innen ausgehandelt werden. “Wir sollten nicht alles schlecht reden”, sagt Wünscher, „wir haben jetzt die Chance für eine Aufbruchsstimmung”.

Doch ist der VI. WK auch eine Ort für Kinder und junge Familien?
Gemeinsam mit der Uni Halle will die HaNeuer erforschen, wie das Mobilitätsverhalten von Menschen mit Rollatoren und Rollstühlen mittels digitaler Möglichkeiten verbessert werden kann. Doch Konzepte, wie Mehrgenerationen-Häuser, die ältere Menschen nicht nur als sozialen Kostenfaktor, sondern auch als wertvollen Unterstützung für junge Familien – etwa in der nachbarschaftlichen Kinderbetreuung – berücksichtigt und wertschätzt, kommen in den Planungen der Wohnungsbaugenossenschaft hingegen nicht vor. Wünscher reagiert darauf dünnhäutig. Die HaNeuer könne schließlich nicht für alles Sorge tragen. Im Nachbarschaftszentrum sollen sich Jung und Alt begegnen können. Man sei zudem bemüht, freie Wohnungen an Familien und junge Menschen zu vermitteln. Am Rande des westlichen Bauabschnitts für das grüne Band der Generationen plant die Stadt, Bauland für zweigeschossige Mehrfamilienhäuser auszuweisen. Dem könnten dann die dort gelegenen Garagenhöfe zum Opfer fallen. Gegenstand für neuen Streit.
Die westliche Neustadt ist einer der Stadtteil mit der ältesten Bevölkerung. Bei der letzten Bundestagswahl erhielt die AfD 43,8 Prozent der Zweitstimmen und war somit mit Abstand die stärkste Kraft. Der Neustadt Fanclub, die Veranstalter:innen der Langen Tafel, will einen Beitrag dazu leisten, dass sich am Wahlverhalten der Bewohnerschaft etwas ändert. Doch dafür gilt es, noch so einiges an Überzeugungsarbeit zu leisten und Gespräche zu führen. Abwarten und Tee trinken.

